Wasserschloss Unsleben

   

 

DIE ZEIT

"Adel vermietet"

von Renate Just

»Rumpelburg« oder auch »Papierfaltschloss« nennt Christoph Graf zuWaldburg-Wolfegg manchmal liebevoll sein Wasserschloss Unsleben. Das liegt im hohen Norden des Freistaats, im Tal der Streu am Fuß der Langen Rhön, schon fast in Thüringen. Unsleben ist ein bezaubernd malerisches Kuriosum, eine bunt zusammengewachsene Mixtur deutscher Stilgeschichte vom steilen Fachwerktrakt über ein Renaissancehöflein zum barocken Mansarddach-Bau, ein Spinnwebschlösschen fürs Kindergemüt. An seiner wunderbar mürben Patina wird nur äußerst vorsichtig gerührt. Es war die schwebende Stimmung von Zeitferne und Inselhaftigkeit innerhalb des stillen Wassergrabens, die den Grafen sofort ergriff, als er das abgeschiedene Rhönschloss aus der mütterlichen Linie derer von Habermann vor sieben Jahren erbte. Graf Waldburg und seine Frau Viktoria waren in ihren Dreißigern, er Kunsthistoriker, sie Kulturwirtin, berufstätiger »Etagenadel« in einer Frankfurter Wohnung. »Aus Naivität und Neugier« beschlossen sie, ihr Leben diesem schwierig-schönen Erbe zu widmen. Die Kinder, drei mittlerweile, sollten auf dem ländlichen Ansitz groß werden.

Zögerlich überlegte man sich als wirtschaftliche Basis den Ausbau von Ferienapartments, erst mal nur einer Wohnung im Mauerwächterhaus. »Wir dachten, da kommen lauter Lehrer.« Heute gibt es vier aparte Logis – und es kamen weniger die erwarteten Bildungsbürger als vorwiegend romantikhungrige Techniker, EDV-Spezialisten, Kunststoffvlies-Hersteller. Am prächtigsten ist die Schlosswohnung auf dem Piano nobile des Hauptbaus mit dem saalartigen blauen Salon, der komplett mit Rollwerkfresken des frühen 17. Jahrhunderts ausgemalt ist.

Das Gastgeberpaar ist nonchalant und von jenem selbstironischen Understatement, das einem viel mit echter Noblesse zu tun zu haben scheint. Wenn man mit dem Hausherrn durch die zahllosen ungenutzten Gemächer in den oberen Etagen streift, durch staubige Speicher, aus deren Schränken ein Sammelsurium an altem Hausrat quillt, wenn man sich über weißlederne juristische Folianten mit der Würtzburgischen Hebammenordnung des 18. Jahrhunderts beugt, wenn man Stöße um Stöße alter Bilder an den abblätternden Wänden lehnen sieht (»Wir kommen mit dem Sichten einfach nicht nach«) – dann hat man das Gefühl, dass der Graf über die fantastisch abgründigen Ressourcen der Rumpelburg fast genauso staunt wie man selbst.

Abendessen bei Kerzenschein in einem selten genutzten, golden schimmernden [privaten] Salon mit Jugendstiltapeten und matten Spiegeln. Auf dem Tisch ein vielarmiger Silberleuchter, ein porzellanener Tafelaufsatz mit Kakadus und Fürstlich Wolfeggscher Bodenseewein von der Verwandtschaft. Auf dem Boden drei Heizlüfter und Kabelsalat zur einzigen Steckdose. Einen Elektroheizer schleppt einem der Graf später über steile Stiegen in die Falkennest-Wohnung, man kann ihn brauchen. Kein Schlosshotel der Welt würde einen solchen Charme bieten. Und bei der legendären adeligen Standorttreue ist zu hoffen, dass Moritz Christoph Willibald Paulus Maria, zwei Jahre alt, dereinst sein Unslebener Erbe antritt und uns Reisenden ohne Stand noch lange die tagträumerische Weggetretenheit erlaubt, in die man auf ländlichen Adelssitzen eintauchen kann. [...]

 

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